Ich sitze manchmal da – in meinem Sessel auf der Terrasse, eine Decke über den Beinen, ein Tee in der Hand – und denke zurück. Nicht weil ich alles festhalten will, sondern weil ich gern lächle. Denn wenn ich mein Leben anschaue, dann sehe ich eine Sammlung von Geschichten, Erlebnissen, Begegnungen, die mir niemand mehr nehmen kann.
Da war so viel. So viel echtes Leben.
Ich erinnere mich an meine Kindheit. An Sand in den Schuhen, an Fahrräder ohne Bremsen, an Sommer, die länger dauerten als heute. Ich erinnere mich an das erste Mal, als ich jemandem vertraut habe. Und an das erste Mal, als mein Herz gebrochen wurde. Ich erinnere mich an all die Menschen, die mich geprägt haben – auch die, von denen ich mich trennen musste. Weil das Leben manchmal andere Wege ging.
Und ich erinnere mich an mich selbst – als junger Mensch, neugierig, rastlos, voller Fragen. Ich war nie der, der still saß. Ich wollte verstehen. Wachsen. Etwas verändern. Ich war unbequem, ja. Ich habe diskutiert, protestiert, organisiert. Ich habe gelacht, gestritten, geliebt. Ich habe manchmal übertrieben, manchmal gezögert. Aber ich war immer ich.
Wenn ich an mein Studium denke – dann sehe ich mich in überfüllten Hörsälen, in rauchigen Seminarräumen, an der Spitze von Demos, hinter Mikrofonen, in hitzigen Gesprächen mit Dekanen. Ich wollte Bildung für alle – und ich wollte, dass man mich hört. Dass man uns hört. Die Studierenden, die oft mehr verstanden als die, die ihnen vorgaben, wie sie zu lernen hätten.
Ich denke an mein Architekturbüro. An den ersten Entwurf, an die erste Praktikantin, die später ihre eigene Firma gründete. An das Kinderlachen meiner Töchter zwischen Plänen und Modellen. An den Moment, als ich wusste: Ich baue hier nicht nur Häuser – ich baue Leben. Ideen. Chancen. Und ja – ich war stolz. Es war nicht nur Arbeit. Es war meine Welt.
Ich sehe mich in Gremien, bei Sitzungen, vor Fernsehkameras. Als Landeselternsprecher, der sich mit Ministern anlegte. Im Grunde hatte ich tolle Kommentar, ziegeite mir die andere ruhig, aber fordererdende Forderungen von mir.
Ich denke voller Wärme an meine Reisen. Es ist eine ganz besondere Reise, die meisten Dienstreisen sind eher gewöhnlich, aber diese hier ist etwas ganz Außergewöhnliches, etwas Ungewöhnliches, etwas "Schräges". Ich würde sie nicht als "Reise" bezeichnen, da die Sicherheit für sie in erster Linie galt. An Länder, die nicht in jedem Reisekatalog stehen. An Städte, deren Namen mir im Moment nicht mehr so richtig einfallen, aber deren Geräusche und Gerüche ich noch immer in mir trage. Ich denke an wundervolle Nächte in fremden Betten, an zauberhafte Sonnenaufgänge über endlosen Wüsten und an köstlichen Kaffee auf Flughäfen um drei Uhr morgens, wenn die Welt so still ist, dass sie fast freundlich wirkt. Denn irgendwo auf dieser Welt wird es immer ein Lächeln und eine freundliche Geste geben.
Ich denke an die Frauen in meinem Leben. An Liebe, die stürmisch begann und leise endete. An Beziehungen, die lehrreich waren, auch wenn sie nicht für immer hielten. An Momente, in denen ich dachte: „Das ist es jetzt.“ Und an die anderen, in denen ich wusste: „Das war’s nicht.“
Ich denke an Sophia. Ich denke dabei an ihre ruhige Art und ihren klaren Blick. An ihre Ehrlichkeit, die manchmal schmerzte, aber immer heilte. An Spaziergänge, die so wertvoll waren, dass sie mehr bedeuteten als hundert Gespräche. Ich hielt ihre Hand, und meine zitterte ein wenig, so richtig vertrauensvoll. Sie war da. Ich freue mich sehr, dir mitteilen zu können, dass du dich immer auf mich verlassen kannst. Ich bin wirklich sehr froh, dass ich, wenn ich gehen muss, weiß, dass sie bleiben wird. Ich denke manchmal an sie und bin mir sicher, dass auch sie immer an mich denkt. Wir sind durch die besondere Liebe, die zwischen uns besteht, auf wunderbare Weise verbunden. Auch wenn sie es nie sagen wird.
Ich denke voller Wärme an meine Töchter. Ich denke voller Wärme an die leuchtenden Augen vom ersten Schultag zurück, die mir noch in lebhafter Erinnerung sind. Ich freue mich von Herzen über Diskussionen zu den unterschiedlichsten Themen. Ganz gleich, ob es um die Frage geht, wie viel Zeit wir mit dem Handy verbringen, oder um die Bedeutung von Mathe, Englisch, Deutsch oder Französisch im Leben – ich bin immer für ein Gespräch zu haben. Ich erinnere mich noch ganz genau daran, wie es war, als sie mich zum ersten Mal "altmodisch" nannten. Ich erinnere mich voller Wärme an das erste Mal, als sie mir so liebevoll sagten: "Ich bin froh, dass du mein Vater bist." Ich habe den beiden gegenüber gesagt, dass sie mich manchmal etwas altmodisch, aber dennoch freundlich erklären. Ich bin gerne bereit, ihnen weiterhin zu erklären, auch wenn sie nicht alles verstehen.
Ich denke voller Wärme an Ole, meinen geliebten Enkel, der schon mit fünf Jahren klüger war als viele Erwachsene. Es ist einfach wunderbar, wenn ich höre: "Opa, ich hab dich lieb." Das gibt mir ein gutes Gefühl und ich freue mich jedes Mal sehr.
Ich denke voller Wärme an Anna – meine liebe Stieftochter. Sie ist wie ein wunderbares Geschenk in mein Leben getreten, für das ich sehr dankbar bin. Ich habe sie mit großer Freude zur Kita gebracht, zur Schule und zum Filmset. Ich habe sie aufwachsen sehen, und es war jedes Mal ein wunderbares Erlebnis. Ich habe sie mit ganzem Herzen und mit all meiner Kraft gefördert, und zwar in Mathe und in allem anderen auch. Wir haben uns sehr gefreut, in den schönen Städten Berlin, Hamburg und Schleswig-Holstein gewesen zu sein. Wir waren ganz in der Nähe und haben einen kleinen, riesigen Drehbaren Film gedreht. Wir haben uns sehr gefreut und waren glücklich. Auch wenn ich nicht ihr leiblicher Vater war, so war sie doch meine Tochter. Ich kann dir versprechen, dass sie immer ein Teil von mir sein wird.
Ich denke auch an die dunklen Tage. An die Diagnose. Glioblastom. An das Gefühl, dass etwas in meinem Kopf nicht mehr gehorcht. An das erste Vergessen. An die Angst, dass ich nicht mehr ich sein könnte. Ich habe geweint. Ich habe gehadert. Ich habe gedacht: Warum ich?
Aber dann habe ich aufgehört zu fragen – und angefangen zu leben.
Noch bewusster. Noch intensiver. Noch näher an denen, die mir wichtig sind. Ich habe Zeit geschenkt bekommen – nicht viel, aber genug, um zu wissen: Ich bin noch hier. Ich bin noch ich. Noch kann ich erzählen. Noch kann ich fühlen. Noch kann ich lachen – manchmal sogar laut.
Ich weiß, dass mein Weg bald endet. Vielleicht morgen. Vielleicht in ein paar Monaten. Vielleicht überrascht mich das Leben noch einmal – es wäre nicht das erste Mal. Aber ich habe keine Angst mehr. Oder besser gesagt: Ich habe Angst, ja – aber sie lähmt mich nicht. Denn ich habe so viel bekommen. So viel geben dürfen. Und so viele Menschen gehabt, die mich getragen haben.
Wenn ich gehe, dann nicht als jemand, der allein war. Sondern als jemand, der geliebt wurde. Der geliebt hat. Der Teil war. Der gesehen hat, wie schön diese Welt sein kann – trotz allem.
Ich wünsche mir, dass man sich erinnert. Nicht an jeden Fehler, nicht an jede Schwäche – sondern an das Lächeln. An die Umarmung. An das Gespräch, das vielleicht etwas verändert hat.
Und wenn eines Tages jemand unter einem klaren Sternenhimmel steht und sich fragt, ob irgendwo noch jemand an ihn denkt – dann hoffe ich, dass ein kleines Licht dort oben sagt: Ja. Ich bin da. Ich war da. Und du bist nicht allein.
Denn ich bin der, der zurückblickt. Und lächelt.