Manchmal frage ich mich, ob ich ihr je sagen kann, wie viel sie mir bedeutet. Es fühlt sich fast so an, als hätte das Leben sie mir genau dann geschickt, als ich sie am meisten gebraucht habe – obwohl wir uns schon seit Jahren kennen. Sie ist für mich keine Psychologin, keine Therapeutin, keine professionelle Ratgeberin. Nein, sie ist meine Freundin. Eine Frau, die mich so sieht, wie ich bin – mit meinen Stärken, meinen Schwächen, und all den Ängsten, die ich manchmal nicht auszusprechen wage.
Unsere Gespräche sind ein sicherer Ort für mich geworden. Es gibt nicht viele Menschen, vor denen ich so ehrlich sein kann. Vielleicht, weil sie mir immer wieder zeigt, dass es in Ordnung ist, verletzlich zu sein. Und auch, weil sie mich nie mit Mitleid ansieht. Ihr Blick ist einer, der sagt: "Ich sehe dich. Und ich sehe, was du durchmachst. Aber ich sehe auch, wer du bist – und das geht nie verloren."
Oft beginnen unsere Gespräche leicht, fast beiläufig. Wir reden über Erinnerungen, über früher, über Dinge, die uns beide zum Lachen bringen. Einmal hat sie mir erzählt, wie ich sie damals bei einem Ausflug mit meinen ungeschickten Witzen zum Lachen gebracht habe, bis sie fast vom Stuhl gefallen ist. "Du hast schon damals einen Hang dazu gehabt, mich aus der Fassung zu bringen", hat sie gesagt.
"Das war Absicht", habe ich geantwortet und sie damit wieder zum Lachen gebracht. "Ich wollte nur testen, ob du die Nerven behalten kannst."
"Und jetzt teste ich deine Nerven", hat sie mit einem Augenzwinkern gesagt.
Das ist etwas, das ich an ihr liebe – wie sie mich immer wieder daran erinnert, dass das Leben, trotz allem, immer noch Momente hat, die leicht sein dürfen. Momente, in denen wir lachen können, in denen wir einfach sein können, ohne an die Schatten zu denken, die am Horizont warten.
Aber irgendwann kommen wir immer zu den Themen, die schwerer sind. Zu meinen Kindern. Meinen vier wertvollsten Menschen. Ich erzähle ihr, wie ich meine älteste Tochter ansehe und sehe, wie stark sie geworden ist. "Manchmal frage ich mich, ob sie so viel Stärke von mir geerbt hat", sage ich. "Oder ob sie einfach von alleine so unglaublich ist."
"Beides", sagt sie dann oft, ohne zu zögern. "Sie hat deine Stärke gesehen, und jetzt zeigt sie ihre eigene."
Ich erzähle ihr von meinem Enkelsohn, diesem kleinen Wunder, das mich jedes Mal strahlen lässt, wenn ich nur daran denke, wie er auf mich zuläuft und mich umarmt. "Er wird mich vergessen", sage ich einmal, und die Worte brechen mir fast das Herz.
"Das wird er nicht", sagt sie fest. "Vielleicht wird er nicht jedes Detail wissen. Aber er wird dich in den Geschichten deiner Tochter spüren. In der Liebe, die du ihr gegeben hast – und die sie ihm gibt. Deine Spuren werden immer da sein."
Ich rede von meiner jüngeren Tochter. Eine fröhliche, quirlige junge Frau, das noch so viel vor sich hat. "Ich will, dass sie weiß, dass ich stolz auf sie bin", sage ich leise. "Aber was ist, wenn ich nicht mehr da bin, um es ihr zu zeigen?"
Dann legt sie ihre Hand auf meine. "Du hast es ihr schon gezeigt", sagt sie. "Jedes Mal, wenn du ihr zugehört hast. Jedes Mal, wenn du sie umarmt hast, ihr Mut gemacht hast, für sie da warst. Sie weiß es. Und sie wird es immer wissen."
Und schließlich ist da meine Ex-Stieftochter, die ich niemals als 'ex' sehe. Sie ist ein Teil meiner Familie, ein Teil meines Herzens. Wenn ich von ihr erzähle, nickt sie immer mit einem wissenden Lächeln. "Manchmal denke ich, dass du ein viel größerer Vater bist, als du selbst glaubst", sagt sie dann. "Du siehst keine Unterschiede. Du liebst einfach. Das macht dich so besonders."
Doch dann gibt es diese anderen Momente. Die stillen. Die dunklen. Wenn die Angst hochkommt und ich nicht weiß, wie ich sie in Worte fassen soll. Sie hat die Gabe, diese Momente zu erkennen, bevor ich sie ausspreche.
"Du bist heute ruhiger", sagt sie, und ich nicke nur.
"Ist es die Angst?" fragt sie, und ich spüre, wie die Worte plötzlich schwerer werden. "Ja", sage ich schließlich. "Ich habe Angst, dass ich nicht stark genug bin. Dass ich sie irgendwann mit meiner Krankheit belaste. Ich will nicht, dass sie mich so in Erinnerung behalten. Ich will, dass sie das Beste von mir behalten."
Sie sieht mich an, und in diesem Moment fühlt es sich an, als könnte sie alles sehen – jeden Gedanken, jede Sorge. Und doch bleibt sie ganz ruhig. "Weißt du, was ich sehe?" fragt sie schließlich. "Ich sehe einen Mann, der mehr gibt, als er nehmen kann. Jemanden, der liebt, ohne Bedingungen. Und das ist es, was bleibt. Nicht das Glioblastom. Nicht die Krankheit. Sondern die Liebe, die du ihnen gibst. Die Stärke, die sie von dir gelernt haben. Daran werden sie sich erinnern."
Ich will etwas sagen, aber die Worte bleiben mir im Hals stecken. Sie drückt meine Hand, und in diesem Moment fühle ich, dass sie Recht hat. Dass sie mich wirklich sieht.
Es gibt Momente, in denen ich denke, dass sie fast zu gut für diese Welt ist. Vielleicht ist sie ein Engel. Vielleicht einfach ein Mensch mit einem Herzen, das größer ist, als ich je begreifen werde. Aber eins weiß ich sicher: Solange sie an meiner Seite ist, werde ich die Kraft finden, weiterzumachen. Für meine Kinder. Für die Liebe, die ich ihnen geben will. Und für mich selbst – weil sie mir zeigt, dass ich es verdient habe, gesehen zu werden.