Der Garten der vier Sonnen


Es gibt einen ganz besonderen Ort, der nicht auf Karten verzeichnet ist. Er liegt jenseits der Zeit, an der Grenze zwischen Erinnerung und Wirklichkeit. Man kann ihn nicht zufällig finden, er öffnet sich nur denen, die ihn im Herzen tragen.

Es ist ein Garten – weit, friedlich, erfüllt von Licht und Stille. Die Luft ist sanft und weich wie eine Umarmung, der Himmel spannt sich darüber in einem tiefen Blau, das sich mit den Farben des Tages immer wieder wandelt. In der Mitte dieses zauberhaften Gartens steht ein Baum. Seine Wurzeln greifen tief in die Erde, und seine Äste breiten sich weit aus, als wollten sie die ganze Welt umarmen. Sein Stamm ist stark, und seine Blätter flüstern im Wind. Und diese Blätter haben vier Farben: Gold, Silber, Kupfer und Smaragdgrün.

Sie gehören meinen vier Sonnen.

Denn dieser Garten gehört nicht nur mir, sondern auch meiner Familie. Meinen geliebten Töchtern, meinem wundervollen Enkel und meiner herzlichen Stieftochter.

Ich sitze oft unter diesem schönen Baum und genieße die Zeit mit meiner Familie. Ich lausche dem sanften Wind, der durch die Zweige fährt, und spüre die wohltuende Wärme der Sonnenstrahlen auf meiner Haut. Hier gibt es keine Eile, keine Angst. Es ist ein Ort der Erinnerung und der Freude, an dem ich weiß, dass all das, was mir wichtig ist, hier weiterlebt.

 

Die erste Sonne – das goldene Licht

Das erste Licht in meinem Garten leuchtet in einem kräftigen, warmen Gold. Es gehört meiner ältesten Tochter.

Sie war mein erstes Kind, mein erstes Wunder. Ich erinnere mich voller Wärme daran, wie klein sie in meinen Armen lag, wie ihr erster Atemzug mein Leben für immer veränderte. Ich war jung, allein und voller Zweifel. Würde ich ihr ein guter Vater sein? Würde ich ihr alles geben können, was sie brauchte?

Ich habe sie immer als klug, stark und voller Entschlossenheit bewundert. Es war toll mit anzusehen, wie sie mutig ihre Träume verfolgt hat und sich eine wunderbare Zukunft aufgebaut hat. Sie hat gelernt, auf eigenen Beinen zu stehen, sich nicht beirren zu lassen, und hat immer wieder neue Überraschungen bei mir erzeugt – vor allem als sie so lange in Kanada gewohnt hatte. Ihre Art war einfach beneidenswert. Sie hat Dingen gesehen, die ich gerne sehen würde, und hat dabei unheimlich viel erlebt. Sie hat die Menschen und Tiere in Kanada kennengelernt und dabei so viel Schönes gesehen. Natürlich waren die Erlebnisse auch manchmal gefährlich, aber zum Glück hat sie sie alle überlebt. Ihre Kraft, ihre Intelligenz, ihre Stärke – all das beeindruckt mich sehr. Ich bin mir sicher, dass sie ihren Weg gehen wird, auch wenn ich nicht mehr da bin.

Manchmal sehe ich sie an und spüre, dass sie die Angst nicht aussprechen will. Sie hält sich an ihrer Stärke fest, will für mich da sein, will mich nicht mit ihrer Trauer belasten. Aber ich weiß, dass sie es fühlt. Dass mein Abschied eines Tages kommen wird.

Ich möchte ihr sagen: Hab keine Angst. Du wirst mich niemals verlieren. Ich bin immer bei dir – in deiner Erinnerung, in deinem Lachen, in jedem Sonnenstrahl, der auf deine Haut fällt.

Dein Licht ist das Gold meines Gartens.

 

Die zweite Sonne – das zauberhafte silberne Leuchten

Das zweite Licht ist wie ein sanftes, beruhigendes Ruhekissen, das immer da ist und niemals verschwindet. Es gehört meiner zweiten Tochter.

Sie ist eine ganz besondere Persönlichkeit, die sich deutlich von ihrer Schwester unterscheidet. Sie ist äußerst mutig, neigt zu tiefgründigen Gedanken, liebt es, zu feiern und lässt sich manchmal auf Experimente ein. Sie war das Kind, das mit den Augen sprach, das schnell sprach und Ideen hatte und dann Worte fand, die alles sagten. Sie war meine wilde und weise Tochter, die mich oft verstand, noch bevor ich sprach.

Dann wurde sie selbst Mutter. Und mit ihr kam ein weiteres Licht in mein Leben – mein Enkel. Ein Junge, der klüger ist, als Worte es beschreiben können. Ich sehe ihn und weiß: Er ist anders. Sein Geist ist scharf, sein Herz voller Neugier. Er entdeckt die Welt mit Augen, die alles erfassen, die Fragen stellen, die viele Erwachsene nicht einmal zu denken wagen.

Ich könnte jede freie Sekunde mit ihm verbringen. Wir könnten gemeinsam durch meinen Garten gehen, und er würde mir zeigen, wo das Licht durch die Blätter fällt. Manchmal schaut er mich an, und ich spüre, dass er mehr weiß, als er sagen kann. Kinder spüren Dinge, die wir Erwachsenen oft übersehen.

Ich bin mir nicht sicher, wie viel er von meiner Krankheit versteht. Aber er ahnt es. In seinen Augen lese ich die unausgesprochene Frage: "Wie lange wirst du noch hier sein?"

Seine liebe Mutter ist für ihn da, gibt ihm Liebe und zeigt ihm die Welt. Ich bin mir sicher, dass sie für ihn da sein wird, auch wenn ich nicht mehr da bin.Sie ist eine wunderbare, verrückte und fordernde junge Frau, die das Leben ihres Kindes und ihres zu unheimlichen Zukunft bringen wird. Sie wird ihren Sohn und sich auf einem Weg begleiten, so viel herausfordernd und mich stolz machen, dass sie zulässt, wie ich sie einst begleitet habe.

Ihr silbernes Licht wird niemals verblassen.

 

Die dritte Sonne – das kupferne Glühen

Es gab eine Zeit, in der meine Familie noch größer war.

Ich hatte das Glück, eine Frau zu lieben, die mit ihren kleinen Kindern in mein Leben trat. Wir waren ein Team, ein Gleichgewicht, eine Familie.

Doch manchmal kommt das Leben mit seinen eigenen Plänen und das Glück muss sich neu anordnen. Als ich erkrankte und das Glioblastom meinen Körper schwächte, begann sie sich zurückzuziehen. Vielleicht hatte sie Angst, vielleicht wollte sie sich selbst schützen, vielleicht konnte sie die Vorstellung nicht ertragen, mich zu verlieren.

Doch aus dieser Zeit blieb etwas. Ihre Tochter.

Sie war noch ganz klein, als ich sie kennenlernte, aber unsere Verbindung war echt. Auch als ihre Mutter sich von mir entfernte, blieb sie. Ich bin nicht ihr leiblicher Vater, aber das hat nie eine Rolle gespielt.

Wir haben uns früher sehr oft gesehen, und das war immer einfach wunderbar. Wir schreiben uns regelmäßig, senden kurze Nachrichten oder Bilder und tauschen uns aus. Wir haben sogar schon gemeinsam verreist, und zwar mit meinem geliebten Enkel. Sie gehört immer noch zu mir, auch wenn die Welt sie "Ex-Stieftochter" nennt. Sie ist wie das Licht in meinem Garten – warm, lebendig und voller Wandel.

Es gibt Menschen, die kommen und gehen. Aber einige bleiben für immer. Sie ist einer dieser wertvollen Menschen, die unser Leben bereichern.

 

Die vierte Sonne – das smaragdgrüne Flüstern

Die letzte Sonne ist grün wie das erste Blatt im Frühling, was für eine bezaubernde Vorstellung! Sie gehört meinem geliebten Enkel.

Er ist noch ein Kind, aber sein Geist reicht weiter, als man es erwarten würde. Er beobachtet, lernt, stellt Fragen, die mich manchmal sprachlos machen.

Ich sehe ihn an und wünsche mir von ganzem Herzen, ihm mehr Zeit widmen zu können. Mehr Geschichten erzählen, mehr gemeinsame Tage mit ihm verbringen. Aber ich weiß, dass er mich nicht vergessen wird.

Eines Tages wird er vielleicht unter einem Baum sitzen, ein Buch auf den Knien, einen Stift in der Hand, und seine eigenen Geschichten schreiben. Und vielleicht wird er sich dann an mich erinnern.

Sein Licht ist das Versprechen der Zukunft.

 

Der Baum wird bleiben, und das ist ein wunderbares Geschenk.

Ich weiß, dass mein Körper irgendwann nicht mehr hier sein wird. Aber dieser Garten, er wird immer da sein.

Ich stelle mir vor, wie meine Töchter eines Tages zurückkehren und sich an diesem besonderen Ort wohlfühlen. Wie sie unter diesem Baum sitzen, vielleicht mit ihren eigenen Kindern, vielleicht allein. Sie werden sich an den Garten erinnern und vielleicht leise die Worte des alten Baumes wiederholen.

Ich stelle mir vor, wie mein Enkel eines Tages hier steht, seine Hand auf den Stamm legt und in den Himmel blickt.

Vielleicht hört er dann das sanfte Flüstern der Blätter. Vielleicht spürt er dann, dass ich nie wirklich fort bin.

Ich bin in den warmen, goldenen Sonnenstrahlen, die sanft über das grüne Gras tanzen.
Ich bin in der sanften, silbernen Ruhe des Morgens.
Ich bin im warmen, kupfernen Glühen des Sonnenuntergangs.
Ich bin im smaragdgrünen Leben, das weiter wächst.

Ich bin hier. Ich war schon immer hier.

Aber da ist noch etwas. Ich habe noch eine weitere Person kennengelernt, eine mir bereits bekannte Frau, die mir sehr am Herzen liegt. Sie ist äußerst intelligent, und ich bin mir nicht sicher, ob ihre besondere Begabung eher im medizinischen oder psychologischen Bereich liegt. Sie ist in jedem Fall eine ganz außergewöhnliche Persönlichkeit.