Drei Wochen nach der Diagnose kam ich zur Operation. In der Zeit davor hatte ich mir immer wieder vorgestellt, wie es wohl sein würde, wenn sie tatsächlich meinen Kopf öffnen. Es war ein Gedanke, der so absurd und so surreal war, dass ich ihn manchmal einfach zur Seite geschoben habe, weil ich ihn nicht vollständig erfassen konnte. Aber ich wusste, dass es sein musste. Es gab keinen Weg daran vorbei. Meine Strategie war klar: freundlich bleiben, locker wirken, keine Angst zeigen. Ich wollte nicht nur für mich, sondern auch für alle um mich herum so auftreten, als wäre ich bereit, als wäre ich stark. Natürlich war ich innerlich angespannt, aber ich hatte beschlossen, dass Angst mich nicht kontrollieren darf. Also ging ich mit einem Lächeln in den OP-Saal – auch wenn mein Magen Achterbahn fuhr.
Ich wusste, dass ich während der Operation wach sein würde. Auch das hatte ich mir immer wieder durch den Kopf gehen lassen. Wie würde es sein, das alles mitzubekommen? Würde ich Schmerzen spüren? Würde ich Panik bekommen? Aber die Ärzte hatten mich gut vorbereitet, und als es dann wirklich losging, war es seltsamerweise gar nicht so schlimm. Ich lag da, und sie arbeiteten an meinem Kopf, während ich Aufgaben zu erledigen hatte. Sprachübungen, Fragen beantworten, Reden – eine merkwürdige Mischung aus Konzentration und Ablenkung. Zwischendurch dachte ich, wie absurd das alles ist: Ich liege hier mit offenem Schädel, und trotzdem rede ich über meinen Alltag. Insgesamt dauerte die OP sechs Stunden. Sechs lange Stunden, die wie ein seltsamer Nebel an mir vorbeizogen. Ich hätte danach völlig ausgelaugt und müde sein müssen, aber ich fühlte mich überraschend stabil. Ich wurde auf mein Zimmer gebracht und war tatsächlich in der Lage, mich zu unterhalten und klar zu denken. Vielleicht lag es daran, dass ich froh war, diesen Schritt hinter mir zu haben.
Ich sah allerdings schräg aus. Mein Kopf war rasiert, die Operationsnarbe zog sich quer über meinen Schädel, und mein Gesicht war geschwollen. Ein Spiegel war in diesen Tagen nicht gerade mein bester Freund. Aber innerlich fühlte ich mich erstaunlich gut. Schon nach vier Tagen im Krankenhaus wollte ich nach Hause. Ich wollte wieder in meine gewohnte Umgebung, wollte raus aus der Klinikatmosphäre und zurück zu einem Alltag, der sich normaler anfühlte. Mein Körper fühlte sich noch fremd an, die Müdigkeit war allgegenwärtig, aber trotzdem hatte ich das Gefühl, dass ich wieder ein Stück Kontrolle über mein Leben zurückgewann.
Zwei Wochen später wurde ich jedoch wieder auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt. Ich hatte einen Termin bei meiner Ärztin, und sie erklärte mir die Ergebnisse der OP. Der Tumor war entfernt worden, soweit das möglich war, aber die Diagnose war weiterhin dieselbe: Glioblastom, Stufe 4. Ein Tumor, der aggressiv ist und zurückkommen wird. Sie war ehrlich, was ich sehr schätzte, auch wenn es schwer war, die Worte zu hören. Aber sie gab mir auch einen Funken Hoffnung. Es müsse nicht schnell gehen, sagte sie. Es gäbe Patienten, die noch viele Jahre lebten – bis zu 12 Jahre. Diese Zahl fühlte sich an wie ein Anker, an den ich mich klammerte. Amelie - meine große Liebe - die bei dem Gespräch dabei war, brach sofort in Tränen aus. Ich sah ihr an, wie hilflos sie sich fühlte, und das schnürte mir das Herz zu. Aber ich wollte nicht weinen. Irgendetwas in mir sagte, dass ich stark bleiben musste, für sie, aber auch für mich selbst. Stattdessen fasste ich in diesem Moment einen Entschluss: Ich werde überleben. Und nicht nur ein paar Jahre – ich wollte sehr, sehr lange leben. Das war mein Wille, und ich klammerte mich daran mit jeder Faser meines Seins.
Nach der OP begann die nächste Phase: Chemo- und Strahlentherapie. Beides war unausweichlich. Die Strahlentherapie war intensiv, zweimal täglich – morgens um 8 Uhr und abends um 19:30 Uhr. Sie wurde schnell zu einer Art Routine, ein neuer Rhythmus, an den ich mich gewöhnte. Ich versuchte, die Termine mit so viel Freundlichkeit wie möglich wahrzunehmen. Was hatte ich auch für eine andere Wahl? Ich wollte nicht der griesgrämige Patient sein, der allen das Leben schwer macht. Stattdessen lächelte ich, machte Scherze, versuchte, das Beste aus der Situation zu machen. Die Chemotherapie folgte in einem sechswöchigen Rhythmus. Ich hatte im Vorfeld viele Horrorstorys über die Nebenwirkungen gehört und war deshalb überrascht, dass ich es so gut verkraftete. Keine Übelkeit, keine extremen Beschwerden – es war unangenehm, ja, aber nicht so, wie ich es befürchtet hatte.
Allerdings passierte mir gleich zu Beginn ein Anfängerfehler. Ich hatte aus Versehen eine Dosis Chemotherapie zu viel genommen. Ich weiß bis heute nicht genau, wie das passieren konnte, aber es war passiert, und ich musste deshalb für eine Zeit in die Klinik. Dort hatte ich ein Einzelzimmer, was immerhin den Vorteil hatte, dass ich Ruhe hatte und mich erholen konnte. Aber es gab eine Einschränkung: Meine Familie und meine Freundin durften mich nicht direkt besuchen. Mein Immunsystem war durch die Behandlungen geschwächt, und jede Ansteckung hätte gefährlich werden können. Trotzdem kamen sie jeden Tag. Sie standen unten im Innenhof, während ich oben im dritten Stock am Fenster stand. Es war Winter, kalt, und trotzdem waren sie da, mit dicken Jacken, winkend und lachend, damit ich sie sehen konnte. Diese Momente waren kurz, aber sie bedeuteten mir alles. Vor allem mit meiner Freundin hatte ich in diesen Augenblicken eine besondere Verbindung. Es war, als könnten wir ohne Worte fühlen, wie viel Liebe und Hoffnung zwischen uns lag. Das gab mir Kraft, mehr, als ich es je ausdrücken könnte.
Trotz allem fühlte ich mich erstaunlich positiv. Ich wusste, dass die Diagnose ernst war, dass sie das Potenzial hatte, mein Leben drastisch zu verkürzen. Aber ich wollte nicht zulassen, dass sie mein Leben definiert. Ich hatte Hoffnung. Ich hatte einen Willen, und ich hatte die Unterstützung von Menschen, die mich liebten. Das war alles, was ich brauchte, um weiterzumachen. Natürlich hatte ich Angst, aber ich ließ sie nicht die Oberhand gewinnen. Ich wollte leben. Nicht nur überleben, sondern richtig leben. Jeden Tag, jede Stunde, jeden Moment, so gut ich konnte. Und solange ich diesen Willen hatte, wusste ich, dass ich eine Chance hatte.