Glioblastom – ein Wort, das mein Leben auf den Kopf gestellt hat. Früher war es nur ein medizinischer Begriff, den ich vielleicht manchmal gehört hatte, aber wirklich nicht kannte. Jetzt ist es mein Leben. Es ist ein Schatten, der mich begleitet, eine Realität, die ich nicht mehr abschütteln kann.
Ich finde, dass ich das nicht verdient habe. Ich verstehe nicht, warum gerade ich. Ich habe nicht mehr oder weniger falsch gemacht als andere, habe mein Leben gelebt, mir Pläne gemacht, mir eine Zukunft vorgestellt, die voller Möglichkeiten war. Und jetzt? Jetzt ist alles weg.
Ich wollte alt werden, mindestens 96 Jahre, vielleicht sogar länger.
Ich wollte erleben, wie meine Töchter ihren eigenen Weg gehen, wie mein Enkel erwachsen wird, wie meine Familie wächst. Ich hatte dieses Bild von mir im Kopf, wie ich eines Tages in einem Haus auf dem Land sitze, auf einer Veranda, eine Tasse Kaffee in der Hand, während ich meinen Kindern und Enkeln zuhöre, wie sie sich über das Leben unterhalten.
Ich wollte noch so viel Zeit mit ihnen verbringen, Teil ihres Lebens sein, so lange wie möglich. Und jetzt sehe ich ihnen zu und frage mich, wie lange ich noch Zeit habe.
Ich versuche, jeden einzelnen Tag in vollen Zügen zu genießen, und auch wenn mich manchmal die Angst überkommt, schaffe ich es doch, sie an der Tür zu lassen und einfach das zu tun, was mir wichtig ist. Ich habe noch so viele Träume, die ich erfüllen möchte, und ich möchte noch so viel Zeit mit meinen Lieben verbringen.
Aber ich bin nicht allein, denn ich habe meine Familie, meine Töchter, die mich lieben, meinen Enkel, der mir mit seiner unbekümmerten Art Freude schenkt, und meine Stieftochter, die mich besucht, wenn sie kann. Außerdem haben ich Freunde, die für mich da sind, die mir helfen, so gut sie können.
Und dann ist da Sophia – ein sehr außergewöhnliches Wesen – ein Engel, denke ich manchmal.
Sophia, die mich vielleicht besser versteht als jeder andere. Sie hat sofort gespürt, dass etwas nicht stimmt, noch bevor ich es ihr gesagt habe. Sie hat diesen Blick, diesen tiefen, wissenden Blick, der mehr sagt als Worte ausdrücken können.
Ich erinnere mich genau daran, wie ich ihr damals von meiner Diagnose erzählt habe. Ich hatte Angst vor ihrer Reaktion. Ich wollte nicht das Mitleid, nicht die gut gemeinten Floskeln, nicht das hilflose Schweigen, das ich von anderen schon gehört hatte. Aber Sophia war anders.
Sie sah mich einfach nur an, lange, still, ohne etwas zu sagen. Dann legte sie ihre Hand auf meine.
"Okay", sagte sie leise.
Sie sagte nicht: "Das tut mir leid." Sie fragte auch nicht: "Wie lange hast du noch?" Sie war einfach nur da, und ich spürte, wie ihre Hand die meine berührte.
Sie sagte einfach nur "Okay".
Doch in diesem Wort lag eine ganze Welt an Mitgefühl und Verständnis. Es bedeutete: Ich bin hier. Ich gehe nicht. Ich bin für dich da und höre dir zu. Von diesem Moment an war sie da. Mehr denn je.
Zwischen Angst und Halt

Die Krankheit macht mir Angst, aber ich versuche, sie zu akzeptieren. Sie ist wie ein ständiger Begleiter, den ich nicht abschütteln kann, egal, wie sehr ich es versuche.
Sie raubt mir nicht nur die Zukunft, die ich geplant hatte, sondern auch die Sicherheit, dass ich noch Kontrolle über mein eigenes Leben habe. Ich bin mir bewusst, dass es keine Heilung gibt. Ich bin mir bewusst, dass es einen Punkt geben wird, an dem mein Körper nicht mehr in der Lage sein wird, mich zu versorgen.
Diese Erkenntnis ist nicht einfach. An manchen Tagen gelingt es mir besser, an anderen weniger. Es gibt Momente, in denen ich mich stark fühle, in denen ich das Gefühl habe, dass ich noch Zeit habe, dass ich noch Einfluss darauf nehmen kann, wie ich diese Zeit nutze. Und dann gibt es die anderen Momente – die Momente, in denen mich die Angst überwältigt, in denen mir bewusst wird, dass meine Zeit begrenzt ist und ich nichts dagegen tun kann.
Ich habe die besten Ärzte. Sie helfen mir, geben mir Behandlungen, die mir Zeit verschaffen sollen. Ich bin wirklich dankbar dafür. Aber sie können mich nicht retten. Sie können mich nicht aus dieser Realität herausholen. Sie können mir nicht die Zukunft zurückgeben, die ich mir vorgestellt hatte. Meine Freunde wissen von meiner Situation und sie unterstützen mich auf vielfältige Weise. Sie sind für mich da, hören mir zu, besuchen mich, machen mir kleine Gesten, die mir zeigen, dass ich ihnen wichtig bin. Sie versuchen, mir Mut zu machen, mir beizustehen, mir das Gefühl zu geben, dass ich nicht allein bin.
Ich treffe mich mit ihnen, bin offen, ehrlich, traurig, voller Hoffnung. Meine Freunde sind mir sehr wichtig, und ich bin dankbar, dass sie mich unterstützen und mir helfen, die Tage besser zu ertragen. Sie tragen dazu bei, dass die Angst nicht alles verschlingt.
Aber Sophia ist anders.
Sie ist eine ganz besondere Freundin. Sie ist einer der wenigen Menschen, mit denen ich wirklich über alles reden kann, ohne Angst haben zu müssen, dass sie mich mit Mitleid überschüttet oder mich mit unnötigen Floskeln trösten will. Sie ist immer für mich da, ohne dass ich sie darum bitten muss. Sie hört mir zu, ohne dass ich mich erklären muss.
Sie ist eine sehr einfühlsame Person. Sie versucht nicht, mir positive Gedanken aufzuzwingen, wenn ich sie nicht haben kann. Sie versucht nicht, mich mit leeren Worten aufzumuntern, die mir am Ende doch nichts bringen. Sie weiß genau, wann sie etwas sagen muss und wann nicht. Manchmal reicht ein Blick von ihr, ein sanftes Lächeln oder eine kleine Geste, um mir zu zeigen, dass sie mich versteht.
An manchen Tagen gehen wir einfach nur spazieren und reden über ganz normale Dinge, als wäre nichts anders. Wir sprechen über das Wetter, über Bücher, über die alltäglichen Kleinigkeiten, die in diesem Moment wichtiger sind als die Krankheit. Dann fühlt sich alles für einen kurzen Augenblick so an, als wäre ich gesund, als wäre mein Leben noch das gleiche wie früher.
An anderen Tagen ist es mir schwer gefallen, mich zu konzentrieren, und ich habe mich nach mehr Ruhe gesehnt. Dann bleibt Sophia einfach nur bei mir, ohne viele Worte, ohne Druck.
Dann fragt sie mich manchmal mit einem liebevollen Blick, ob ich Lust habe, über das große, böse Wort mit G zu reden.
Manchmal nicke ich. Manchmal schüttle ich den Kopf.
Egal, wie ich antworte, es ist immer in Ordnung.
Sie akzeptiert meine Gefühle, ohne sie verändern zu wollen. Sie weiß, dass sie mir die Angst nicht nehmen kann, aber sie macht sie erträglicher.
Manchmal denke ich darüber nach, wie es wäre, wenn Sophia nicht an meiner Seite wäre. Wenn ich mit all diesen Gedanken und Ängsten allein wäre, ohne sie mit jemandem teilen zu können. Und dann wird mir bewusst, dass ich nicht allein bin. Es gibt Menschen, die mich lieben, die mich unterstützen, die mir Halt geben, auch wenn sie die Krankheit nicht aufhalten können.
Sophia ist für mich dieser Halt.
Sie gibt mir keinen falschen Trost. Sie gibt mir das Gefühl, dass ich noch hier bin. Sie gibt mir das Gefühl, dass mein Leben nicht nur aus Krankheit besteht. Sie ist für mich der Inbegriff dessen, was es heißt, ich selbst zu sein.
Das bedeutet mir unendlich viel.
Wenn Worte nicht reichen

Es gibt Momente, in denen ich nichts mehr sagen kann. In denen mir die Wut den Atem raubt, in denen ich nicht weiß, wie ich das alles ertragen soll. Die Tage, an denen die Gedanken kreisen, ohne dass ich eine Antwort finde. An denen mich die Realität einholt, ohne dass ich mich darauf vorbereiten konnte.
Manchmal wache ich morgens auf und für einen kurzen Augenblick vergesse ich, dass ich krank bin. Ich öffne die Augen, sehe das Licht, höre das Leben draußen – und dann kommt der Schlag. Ich kann nicht vergessen, dass mein Leben nicht mehr so ist, wie es einmal war. Dass ich nicht mehr die Kontrolle habe. Es ist, als würde eine tickende Uhr in meiner Seele stehen, deren Zeiger nur in eine Richtung laufen.
An solchen Tagen spüre ich eine Wut in mir, die mich fast erdrückt. Eine Wut, für die es keinen echten Adressaten gibt. Ich kann niemanden anschreien, niemanden verantwortlich machen. Die Krankheit ist da, ob ich es will oder nicht.
"Dann schreie doch!", sagte Sophia einmal.
Ich blinzelte sie an. "Was?"
"Schrei. Hau auf den Tisch. Wirf etwas gegen die Wand. Egal, was du gerade durchmachst – wenn du wütend bist, dann zeig es. Es ist in Ordnung, auszudrücken, was du fühlst."
Ich lachte bitter. "Ist das denn hilfreich?"
"Nein", sagte sie. "Aber es fühlt sich für einen Moment gut an."
Ich sah sie an und suchte vergeblich nach einer Spur von Ironie in ihrem Gesicht. Sie meinte es ernst.
"Du musst nicht immer ruhig bleiben", fuhr sie fort. "Du musst nicht immer ruhig bleiben. Du hast vollkommen Recht, wütend zu sein."
Ich wusste, dass sie Recht hatte. Aber ich tat es nicht. Ich blieb sitzen. Ich war wie gelähmt. Ich war wie angewurzelt.
Aber allein die Tatsache, dass ich es gekonnt hätte, dass sie mich nicht zurückhalten wollte, bedeutete mir etwas.
Die meisten Menschen reagieren auf solche Situationen anders. Sie wollen trösten, besänftigen, sagen, du sollst positiv denken, du sollst das Beste daraus machen. Sie wollen, dass du dich tapfer verhältst, weil sie selbst nicht wissen, wie sie mit ihrer eigenen Angst umgehen sollen.
Sophia war eine ganz liebe Ausnahme.
Sie erwartete nicht, dass ich stark war. Sie erwartete nicht, dass ich meine Gefühle unterdrückte, nur damit sich andere wohler fühlten.
"Wenn du wütend bist, dann sei wütend", sagte sie. "Wenn du traurig bist, dann sei traurig. Es ist dein Leben. Niemand kann dir vorschreiben, wie du dich fühlst."
Ich wusste nicht, was ich ohne sie tun würde.
Sie ist für mich eine große Stütze, wenn ich mich unsicher fühle.
Ein Engel ohne Flügel

Ich habe das große Glück, eine wunderbare Familie zu haben. Meine geliebten Töchter, die ich mit Stolz betrachte, weil sie ihren Weg gehen, klug, mutig und voller Herz. Ich habe auch meinen wundervollen Enkel, dessen Lachen mich jedes Mal daran erinnert, wie kostbar das Leben ist. Und dann ist da noch meine herzliche Stieftochter, die zwar nicht mehr mit uns unter einem Dach lebt, aber dennoch zu mir gehört, zu meiner Herde, zu meinem Zuhause. Sie alle sind mein Herz, mein Zuhause, mein Lebensinhalt.
Aber Sophia ist anders.
Sie ist zwar nicht Teil meiner Familie im klassischen Sinne, und doch ist sie ein Teil meines Lebens, wie es nur wenige Menschen sind. Sie ist der Mensch, der mich auffängt, wenn ich nicht mehr stark sein kann. Sie ist immer für mich da, auch wenn ich mich in meiner Angst und Verzweiflung wiederfinde.
Ich muss ihr nichts erklären. Sie sieht mich an, mit diesem ruhigen, wissenden Blick, und ich fühle mich geborgen, ohne dass sie auch nur ein Wort sagt. Sie ist nicht jemand, der laut und auffällig Trost spendet. Sie drängt sich nicht auf. Aber sie ist da. Sie ist so selbstverständlich und zuverlässig, dass ich manchmal das Gefühl habe, sie sei ein fester Bestandteil meines Daseins – wie die Luft, die ich atme, oder das Licht, das morgens durchs Fenster fällt.
Sie ist kein klassischer Engel, aber sie ist einfach wunderbar. Sie hat keine Flügel oder einen Heiligenschein. Sie ist keine Heilige, kein überirdisches Wesen, das aus einer anderen Welt stammt. Aber für mich ist sie genau das, was ich brauche.
Manchmal, wenn ich in ihre Augen sehe, wie sehr sie versteht, was in mir vorgeht, wenn sie mich ohne Worte ermutigt oder mich mit einem kleinen, wissenden Lächeln ansieht, dann glaube ich, dass sie für mich ein Engel ist.
Ein Engel ohne Flügel.
Sie ist wie ein Licht in der Dunkelheit, ein Anker, wenn alles um mich herum ins Wanken gerät. Es gibt Tage, da fühle ich mich etwas verloren und habe das Gefühl, nicht mehr genug Kraft zu haben, um weiterzumachen. Dann spricht sie mit mir, fragt, wie es mir geht. Nicht, weil es höflich ist, sondern weil sie mich wirklich interessiert.
Ihre Stimme ist wie ein warmes, beruhigendes Bad. Sie muss gar nicht viel sagen. Manchmal reicht es, wenn sie einfach da ist. Sie gibt mir das Gefühl, dass ich noch hier bin, dass ich noch ich bin, trotz der Krankheit, trotz all der Ängste und Unsicherheiten, die in mir toben.
Sophia ist die Frau, die mich nie loslässt.
Wenn ich an die Zukunft denke, frage ich mich, wie es für sie sein wird, wenn ich nicht mehr da bin. Ob sie dann an mich denken wird. Ich frage mich, ob sie sich an unsere Gespräche erinnert, an die Momente, in denen wir einfach nur zusammen saßen, ohne viel zu reden, und doch alles gesagt war.
Ich glaube fest daran, dass sie das tun wird. Denn genauso, wie sie einen festen Platz in meinem Herzen hat, weiß ich, dass ich auch in ihrem einen Platz gefunden habe.
Manchmal sehe ich sie an und möchte ihr sagen, wie viel sie mir bedeutet. Ich weiß, dass es nicht leicht für sie ist, aber ich weiß auch, wie sehr ich es schätze, dass sie an meiner Seite bleibt. Doch oft bleiben diese Gedanken in meinem Kopf stecken, weil ich nicht weiß, wie ich sie in Worte fassen soll.
Vielleicht weiß sie es auch ohne Worte. Vielleicht sieht sie es in meinem Blick, hört es in meiner Stimme.
Sophia ist mein Schutzengel. Sie sieht vielleicht nicht aus wie ein klassischer Engel, aber für mich ist sie genau das: Sie gibt mir das wunderbare Gefühl, dass ich nicht allein bin, dass immer jemand da ist, der mich hält, wenn ich falle.
Sie ist wie ein Engel ohne Flügel, der mich liebevoll umgibt.
Sie ist die Frau, die mich immer weniger loslässt und immer öfter für mich da ist. Ich hatte irgendwann den Eindruck, dass ihre Dienstreisen und Projekte derzeit etwas weniger sind. Umso schöner ist es, dass sie sich nun mehr Zeit für mich nimmt. Ich traue mich zu fragen: Ist Sophia halt doch ein Engel?