Anna war von Anfang an ein ganz besonderer Teil meines Lebens. Als ich sie zum ersten Mal traf, war sie noch im Kindergarten. Klein, fröhlich, voller Neugier – mit diesem offenen, intelligenten Blick, der schon so viel verstand, ohne es aussprechen zu müssen. Ihre Eltern reisten viel, ihre Mutter war Schauspielerin, ihr Vater auch. Und so war ich da – nicht als Ersatz, sondern als jemand, der sie liebte, als wäre sie mein eigenes Kind.
Ich dachte, sie sei aus Schweden. Diese blonden Haare, die hellen Augen, dieses ruhige, klare Wesen – alles schrie: Skandinavien! Aber dann sagte sie, sie komme aus Deutschland. Ich war verwundert. Und sofort verloren.
Wir lernten uns auf Interrail kennen. Zwei junge Menschen auf Reisen, zwei Rucksäcke und ein Zugabteil – mehr brauchte es nicht. Ich verliebte mich schnell, tief und ohne Rückfahrkarte.
Es war eine Zeit des Umbruchs, der Kämpfe und der lauten Stimmen. Berlin war nie eine Stadt der Stille – erst recht nicht in den Universitäten. Die Studierendenbewegung war in vollem Gange: Demonstrationen, Besetzungen, Diskussionen, Forderungen nach besseren Studienbedingungen. Jeder hatte eine Meinung, jeder wollte gehört werden.
Und mitten in diesem tosenden Durcheinander stand ich – nicht als radikaler Aktivist, nicht als Lautsprecher des einen oder anderen Lagers, sondern als jemand, der versuchte, einen klaren Kopf zu bewahren.
Es gibt Menschen, die kommen und gehen. Und dann gibt es Sophia. Sie bleibt.
Sie ist da, wenn die Angst mich überfällt, wenn die Dunkelheit näher rückt. Sie spricht nicht viel, aber wenn sie etwas sagt, dann genau das Richtige. Manchmal reicht ihr Blick, ihr Lächeln, ihre Hand auf meiner.
Ich werde gehen. Sie wird bleiben. Und das ist gut so.
Ich hoffe, dass sie manchmal an mich denkt – nicht mit Traurigkeit, sondern mit einem Lächeln. Denn wenn es jemanden gibt, der mich bis zum Schluss begleitet hat, dann war es sie. Mein Engel ohne Flügel.
Es gibt Tage, die sind jenseits aller Vorstellungskraft. Tage, an denen man nur von A nach B will, aber stattdessen von einer absurden Situation in die nächste gerät. Und genau so ein Tag war es.