Anna – Für immer meine (Stief-)Tochter


Anna war von Anfang an ein ganz besonderer Teil meines Lebens. Als ich sie zum ersten Mal traf, war sie noch im Kindergarten. Klein, fröhlich, voller Neugier – mit diesem offenen, intelligenten Blick, der schon so viel verstand, ohne es aussprechen zu müssen. Ihre Eltern reisten viel, ihre Mutter war Schauspielerin, ihr Vater auch. Und so war ich da – nicht als Ersatz, sondern als jemand, der sie liebte, als wäre sie mein eigenes Kind.

Schon früh entstand eine tiefe Bindung, eine Mischung aus Vertrauen, Nähe und einer gemeinsamen Sicht auf die Welt. Ich brachte sie morgens zum Kindergarten und holte sie wieder ab, wartete, wenn sie nicht gleich gehen wollte. Wir lachten viel. Wir hatten unsere kleinen Rituale, unsere Gespräche beim Abendessen oder beim Zähneputzen, das gemeinsame Vorlesen und Einschlafen. Es war ein Miteinander, das keiner Erklärung bedurfte. 

Ich war damals viel in der Welt unterwegs, habe spannende und ungewöhnliche Dinge gesehen und nicht alles erzählt. Als ich wieder in Berlin war und Anna traf, war ich glücklich und hatte viel Spaß. Zwischen ihm und mir herrschte Vertrauen und Vertrautheit. Erstaunlich!

In der Schule half ich ihr, wo ich konnte. Sie war intelligent, aber manchmal etwas zerstreut - wie Kinder eben sind, wenn die Welt so viel Spannendes zu bieten hat. Wir lernten zusammen Mathematik, ohne Stress, aber mit Freunden und auf ihre Art. Sie stellte viele Fragen, war schlagfertig und ehrgeizig, als sie merkte, dass ich an sie glaubte. Und ich glaubte an sie. Immer.

Wir haben in Berlin gewohnt und waren viel unterwegs. Wir sind auch nach Hamburg gefahren, nach Mecklenburg-Vorpommern, nach Schleswig-Holstein und ganz weit weg. Manchmal waren wir zu dritt, zu viert oder mit Mutter und Bruder unterwegs, aber oft waren wir nur zu zweit. Dann war es unsere kleine Welt: ein Auto, Musik, Gespräche, irgendwo ein See, ein Spaziergang im Wald. Wir waren in Ferienhäusern, auf dem Wasser, haben geritten und gespielt. Sie ritt und hatte viel Spaß dabei, sie konnte viel besser reiten als ich. Sommerrodeln im Sommer - was für ein Spaß! Oft hatte ich Ole - den ganz jungen Berliner - dabei und Anna und Ole hatten viel Spaß. Ich habe ihr die Welt gezeigt, so gut ich konnte.

Sie war manchmal in meinem Büro. Sie malte, baute, stellte Fragen und beobachtete meine Mitarbeiter. Sie gehörte einfach dazu. Sie hat niemanden gestört, im Gegenteil. Sie brachte Leben in die Räume, war freundlich, interessiert und voller Energie. Und wenn ihre Freunde zu Besuch kamen, war es, als würde unser Haus ganz selbstverständlich zu einem Treffpunkt. Ich freute mich, wenn es im Haus laut wurde, wenn gelacht wurde, wenn Stimmen aus dem Kinderzimmer drangen.

Anna liebte es, sich zu bewegen. Wir waren oft draußen, spielten Ball, machten kleine Fahrradtouren, gingen an den See oder auf den Spielplatz. Manchmal spielten wir auch einfach Karten oder schauten einen Film an – es war nicht wichtig, was wir taten, sondern dass wir es gemeinsam taten. Ich war dabei. Und das spürte sie.

Später, als sie älter war, begannen die aufregenden Dreharbeiten. Anna war so talentiert! Sie hatte ein natürliches Gespür für die Kamera, für die Szene, für den Ausdruck. Ich fuhr sie zu den Sets, wartete geduldig, sah ihr beim Proben zu, war ein stiller Begleiter im Hintergrund. Aber auch voller Stolz. Immer stolz. Sie konnte sich vor der Kamera verwandeln, aber privat blieb sie sie selbst – aufmerksam, sensibel, neugierig.

Vielleicht wird sie keine Schauspielerin, sondern entwickelt großartige Ideen und gewinnt sogar den Nobelpreis. Oder vielleicht rettet sie die Welt? Was für eine großartige junge Frau wird sie bald sein! Ich hoffe aufrichtig, dass sie glücklich ist und ein erfülltes Leben hat. Ich wünsche ihr nur das Beste und bin mir sicher, dass sie alles erreichen kann, was sie sich in den Kopf setzt.

Wir haben zusammen gelebt. Nicht immer unter einem Dach, aber immer in einer Geschichte. Wir waren ein perfektes Team. Sie war meine Tochter, obwohl ich sie Stieftochter nennen sollte. Sie war ein Teil meines Herzens. Und das ist sie immer noch.

Von ihrer Mutter hatte sie ein kleines Kinderhaus im Garten, na ja, klein war es nicht. Wir haben es geplant, gebaut, die richtigen Farben benutzt. Als alles fertig war, sind Anna und ich „eingezogen“. Es war ein ganz tolles Haus, wir haben stundenlang darin gespielt und ich glaube, Anna hätte auch darin geschlafen.

Ich habe mich immer sehr um Anna gekümmert und war für sie wie ein liebevoller Stiefvater. Aber das Wort war mir immer zu klein. Ich habe ihr einfach immer mein Bestes gegeben, und ich bin sehr glücklich, dass ich das tun durfte. So lange ich konnte.

Vor ein paar Wochen wollte die liebe Anna mit mir Final Escape sehen. Innerhalb kürzester Zeit waren wir "eingesperrt" und mussten uns befreien. Anna hat dabei viele Aufgaben gemeistert und mich gerettet. Es war einfach wunderbar, wir hatten so viel Spaß, lösten die Aufgaben und freuten uns sehr.

Manchmal saß ich zu Hause und beobachtete Anna. Ich habe mich oft gefragt, was wohl aus ihr werden wird. Sie wird älter werden, aus Mädchen wird ein junges Mädchen, eines Tages wird sie einen Jungen kennenlernen und sich verlieben. Eines Tages wirst du heiraten und verrückte Sachen in der Welt machen. Du wirst sehr glücklich sein. Diese Gedanken machten mich glücklich. Ich werde sehr alt werden, und vielleicht können wir dann gemeinsam Tee trinken und verrückte Geschichten erzählen.

Ich dachte an die Herde. Meine Tochter, die sich nicht mit dem Master begnügen wird und Doktorarbeiten schreibt. Der Enkel, ein kleiner Junge, kaum jünger als du. Und du, die Tochter (wenn du eigentlich Stief-Tochter ist). Meine Herde - und ich bin sehr, sehr stolz auf euch.

Dann gab es komische Dinge.

Als bei mir ein Glioblastom diagnostiziert wurde, brach etwas in mir zusammen. Ich wollte leben – nicht aus Egoismus, sondern weil mein Leben noch so erfüllt war: erfüllt von Menschen, erfüllt von Liebe, erfüllt von Geschichten, erfüllt von Hoffnung. Ich wollte bleiben für meine Töchter, für meinen Enkel, für meine Freunde. Und vor allem für Anna. Irgendwann muss ich gehen. So ist das mit diesem blöden Glioblastom – es fragt nicht, ob man noch Pläne hat, ob man noch lachen, reisen oder einfach nur einen Kaffee mit Anna trinken will. Es kommt, es bleibt und dann ... muss man einfach gehen.

Schon vor langer Zeit - na ja, ich musste diese „blöden Krankheit“ zulassen - habe ich angefangen, über meine Zukunft nachzudenken. Ich habe schon eine Vorstellung davon, wohin ich gehen werde. Ich werde einen kleinen, ruhigen Planeten finden (mit zwei Hunden, zwei Katzen und einem Pferd). Einen Planeten, auf dem es kein Glioblastom, keine Arzttermine und keine traurigen Nachrichten gibt. Einen Planeten mit viel Sonnenschein, einem See, einer Wiese, auf der man barfuß laufen kann, und einem Liegestuhl, von dem aus man abends die Sterne beobachten kann. Und dort werde ich leben.

Ich werde mein „Fernglas“ aufstellen und regelmäßig nach der Erde Ausschau halten – vor allem natürlich nach Anna. Ich werde zusehen, wie sie älter, schöner, weiser und mutiger wird. Wie sie vielleicht als Schauspielerin über den roten Teppich läuft, in spannende Rollen schlüpft, sich behauptet, lacht, tanzt, lebt.

Und wenn sie abends in den Himmel schaut, wie wir es früher manchmal gemeinsam getan haben, zwinkert ihr ein kleiner Stern zu. Nicht der hellste, nicht der größte, aber ein frecher, der immer ein bisschen schief am Himmel hängt. Das bin ich.

Ich werde ihr kleine Zeichen schicken. Vielleicht fliegt plötzlich ein Marienkäfer auf ihr Drehbuch. Oder sie hört das Lied, das wir im Auto gesungen haben, im Radio. Oder sie riecht plötzlich diesen verrückten Duft von Wald und frischem Kaffee, den wir so geliebt haben.

Denn auch wenn ich nicht mehr neben ihr sitze, mit ihr durch den Wald laufe oder ihr beim Reiten zusehe – ich werde immer da sein. Immer ein bisschen. Immer ein bisschen nah bei ihr. So wie sie immer in meinem Herzen sein wird.

Anna, meine kleine Tochter, die große Tochter, die junge Frau. Ich vermisse sie sehr. Und ich bin sehr stolz auf sie. Laut, bunt, wild, chaotisch. Sie wird lachen, weinen, tanzen, sich verlieben, manchmal scheitern – und es besser machen. Sie soll ihren Träumen nachjagen, neue erfinden und einfach träumen. Und ich möchte, dass sie weiß, dass sie ein ganz besonderer Teil meines Lebens war – und ist.

Und eines Tages, wenn sie jung oder alt ist, wenn sie sich zurücklehnt und an die Vergangenheit denkt, kann sie lächeln und sagen: „Dort oben, dieser Stern ... er funkelt wieder.“

Und dann sitze ich auf meinem kleinen Planeten, eine Tasse Tee in der Hand, die Füße im Gras – und zwinkere leise zurück.