Ein Spaziergang zwischen Himmel und Erde – Ein Tag mit Sophia


Der Himmel über uns ist bedeckt, aber die Luft ist mild. Ich mag diesen Zustand, dieses diffuse Licht, das nicht blendet, aber auch nicht düster ist. Es fühlt sich an wie eine Zwischenwelt, ein Ort zwischen Tag und Nacht, zwischen Licht und Schatten. Vielleicht bin ich deshalb heute so nachdenklich. Oder vielleicht liegt es einfach daran, dass meine Gedanken nie stillstehen.

Sophia geht neben mir. Wir sind im gleichen Takt unterwegs, als hätten wir uns unbewusst aufeinander abgestimmt. Es ist immer wieder eine Freude, wenn wir zusammen unterwegs sind und uns auf diese Weise verstehen können, ohne dass wir Worte brauchen. Wir brauchen keine Worte, um zu wissen, dass wir uns verstehen. Wir kennen uns eigentlich schon sehr lange, aber wir haben uns nie tiefergehend miteinander beschäftigt. Sophia ist eine außergewöhnlich intelligente und attraktive junge Frau. Ich bin immer wieder überrascht, wie besonders sie ist. Manchmal glaube ich, dass sie ein Engel ist – für mich.

„Wohin gehen wir?“, fragt sie und schaut mich von der Seite an.

Ich zucke mit den Schultern. „Ist doch egal. Hauptsache, du verlierst dich nicht wieder.“

Sie lacht. „Ach komm schon, das war nur dieses eine Mal!“

Ich grinse. „Ja, aber was für ein Mal! Wir wollten nur einen kleinen Spaziergang machen und sind in einem verdammten Brombeerbusch gelandet. Ich schwöre, der Wald hat sich gegen uns verschworen.“

Sie lacht noch lauter. „Und du warst so eine große Hilfe! Anstatt eine Karte zu lesen oder etwas Nützliches zu tun, hast du einfach angefangen, mit den Büschen zu streiten.“

Ich hebe die Hände. „Natürlich, was hätte ich sonst tun sollen? Wenn man sich verirrt hat, muss man zuerst mit der Natur verhandeln. Vielleicht wäre einer der Bäume so freundlich gewesen, mir die richtige Richtung zu zeigen.“

Sophia rollt mit den Augen. „Ja, klar. Der sprechende Baum nebenan.“

Ich grinse nur. Das ist das Schöne an ihr – sie versteht meinen Humor, auch wenn er manchmal völlig absurd ist. Wir sind zwar nicht immer einer Meinung, aber wir respektieren uns und die Meinung des anderen. Manchmal merken wir, dass unsere Ansichten sehr ähnlich sind, aber jeder von uns formuliert mit seiner Art. Was auf den ersten Blick ganz anders aussieht, ist dann oft das gleiche – nur in anderen Worten ausgedrückt. Naja, manchmal haben wir auch ganz unterschiedliche Meinungen – und das ist auch gut so!

Wir gehen weiter, bis sich der Weg gabelt. Ich bleibe stehen und schaue sie an. „Links oder rechts?“

Sie runzelt die Stirn, als würde sie eine philosophische Entscheidung treffen. „Hmm. Links fühlt sich heute richtig an.“

„Warum?“

„Ich weiß nicht, Instinkt?“

Ich nicke. „In Ordnung. Aber wenn wir wieder in einem Brombeerbusch landen, ist es deine Schuld.“

Sie lacht und stößt mich leicht mit der Schulter an. „Abgemacht.“

Eine Weile gehen wir schweigend nebeneinander her. Ich mag diese Stille zwischen uns. Es ist keine unangenehme Stille, keine erzwungene. Es ist eine dieser seltenen Pausen im Leben, in denen man einfach nur sein kann.

Aber irgendwann kommen die Gedanken. Und dann kommen die Worte.

„Sophia ... ich habe Angst.“

Sie bleibt ruhig. Das bewundere ich an ihr – sie reagiert nie voreilig, stellt nie vorschnelle Fragen. Sie gibt mir die Zeit, die ich brauche.

„Wovor genau?“, fragt sie schließlich, sanft, aber bestimmt.

Ich atme tief durch. „Nicht vor dem Sterben selbst. Nicht vor dem Moment. Ich habe Angst vor dem, was danach kommt. Vor der Stille. Vor dem einfachen Sein ... weg zu sein.“

Sie sieht mich nachdenklich an. Dann fragt sie: „Und was bedeutet ‚weg‘ für dich?“

Ich zögere. „Ich sehe meinen neuen Planeten vor mir. Einen Ort, an dem es keine Zeit gibt. Kein Anfang, kein Ende. Ich bin dort, aber ich kann meine Familie nicht mehr berühren. Ich kann ihnen nicht helfen, wenn sie mich brauchen. Ich bin nur ... ein Beobachter. Und ich weiß nicht, ob ich damit leben kann – oder sterben.“

Sophia hält inne. Ich drehe mich zu ihr um, und in ihren Augen liegt dieses tiefe Verständnis, das sie so einzigartig macht.

„Vielleicht bist du nicht so weit weg, wie du denkst“, sagt sie leise.

Ich runzele die Stirn. „Was meinst du?“

Sie tritt einen Schritt näher. „Glaubst du, dass Liebe an einen Körper gebunden ist? Dass sie aufhört zu existieren, nur weil du nicht mehr physisch hier bist?“

Ich weiß nicht, was ich darauf sagen soll.

„Du hast deine Liebe deinen Kindern und deinem Enkel geschenkt. Und wenn wir genau hinschauen, dann gibt es da auch noch deine Stieftochter", fährt sie fort. „Jede Umarmung, jedes Lächeln, jedes gute Wort – all das bleibt bestehen. Es ist in dir und in deiner Familie. In der Art, wie sie sprechen, wie sie lachen, wie sie denken. Deine Familie, deine Herde, sie sind nicht nur eine Person, sie akzeptieren dich und deine Gefühle an dich - du wirst immer ein Teil sein. Du bist ein Teil von ihnen.“

Ich senke den Blick. „Und was ist, wenn das nicht genug ist?“

Sie legt ihre Hand auf meinen Arm. „Dann musst du mir einfach vertrauen.“

Ich schlucke. „Das tue ich.“

„Gut“, sagt sie lächelnd. „Dann lass uns weitergehen.“

Wir setzen uns wieder in Bewegung. Ich fühle mich nicht unbedingt gut, aber ein bisschen leichter. Und das reicht für heute.

Nach ein paar Minuten bricht Sophia die Stille mit einem ganz anderen Thema.

„Weißt du noch, als du mir beweisen wolltest, dass du kochen kannst?“

Ich seufze. „Müssen wir wirklich darüber reden?“

Sie lacht. „Natürlich! Ich weiß noch genau: ‘Sophia, ich bin ein Meister in der Küche!“ – und dann hast du es geschafft, fertige Nudeln anbrennen zu lassen.“

Ich hebe die Hände. „Hey, ich habe nur eine Sekunde weggeschaut!“

„Ja, weil du mir eine Art hochwissenschaftlichen Vortrag über die perfekte Bissfestigkeit von Nudeln gehalten hast!“

„Das ist wichtiges Wissen!“, sage ich ernst. „Du hast gesagt, du willst irgendwann einen Mann, der gut kochen kann. Ich wollte mich qualifizieren!“

Sie grinst. „Schau, ich sage nicht, dass du versagt hast ... aber wenn ich ehrlich bin, habe ich mir danach ein wenig Sorgen um meine Kochkünste gemacht.“

Ich schüttle den Kopf, während sie lacht.

Das ist es, was Sophia für mich so besonders macht. Sie fängt mich auf, wenn ich falle. Sie gibt mir Halt, wenn ich schwanke. Aber sie gibt mir auch mein Leben zurück, wenn ich mich zu sehr in meinen Ängsten verliere.

Sie ist meine engste Vertraute. Die wichtigste Frau in meinem Leben. Mein Engel auf Erden.

Wir gehen weiter. Der Himmel bleibt grau, aber das ist in Ordnung. Denn solange sie neben mir geht, gibt es immer Licht.