Es war eine Zeit des Umbruchs, der Kämpfe und der lauten Stimmen. Berlin war nie eine Stadt der Stille – erst recht nicht in den Universitäten. Die Studierendenbewegung war in vollem Gange: Demonstrationen, Besetzungen, Diskussionen, Forderungen nach besseren Studienbedingungen. Jeder hatte eine Meinung, jeder wollte gehört werden.
Und mitten in diesem tosenden Durcheinander stand ich – nicht als radikaler Aktivist, nicht als Lautsprecher des einen oder anderen Lagers, sondern als jemand, der versuchte, einen klaren Kopf zu bewahren.
Die Besetzung – und meine klare Linie
Unsere Universität war ein Brennpunkt des Widerstands. Hörsäle wurden besetzt, Seminarräume blockiert, Verwaltungsetagen lahmgelegt. Die Forderungen waren klar: bessere Lehre, mehr Mitbestimmung, gerechtere Studienstrukturen.
Ich war mittendrin. Nicht, weil ich Macht suchte oder mich politisch inszenieren wollte – sondern weil ich etwas bewirken wollte. Für die Studierenden. Für das Studium selbst. Nicht für ideologische Schlachten.
Meine Haltung war eindeutig: Wer kurz vor dem Abschluss stand – oft nur noch wenige Wochen entfernt –, sollte in Ruhe zu Ende studieren dürfen. Diese Menschen hatten Jahre in ihr Studium investiert. Jetzt das Ziel durch Chaos zu gefährden, wäre schlicht ungerecht gewesen. Für diese Gruppe kämpften wir. Wir schützten sie.
Egal, wie laut die Proteste wurden, wie hitzig die Diskussionen tobten – unsere Regel war klar: Keine Besetzung durfte die Prüfungen der Fast-Fertigen stören. Kein politischer Konflikt durfte deren Abschluss infrage stellen. Ich organisierte Räume, klärte mit Dozierenden, verschaffte Zugang zur Bibliothek, oft gegen den Widerstand beider Seiten.
Bedrohung von beiden Seiten
Meine Rolle war nicht bequem – und ich machte mir keine Freunde. Weder bei den radikalen Linken, die alles blockieren wollten, noch bei den Rechten, die am liebsten jeden Wandel erstickten.
Beide Lager wollten mich loswerden. Für die einen war ich ein Verräter, für die anderen ein Störer. Einmal wurde ich in einer hitzigen Diskussion auf dem Campus fast gleichzeitig von beiden Seiten bedroht. Ich war für die einen zu gemäßigt, für die anderen zu fordernd. Doch ich blieb. Ich wich nicht zurück.
Dann kam der große Schlag: Die Universitätsleitung selbst – unsere ursprünglichen Gegner im Kampf um bessere Studienbedingungen – wollte mich exmatrikulieren. Nicht nur aus meiner Uni, sondern bundesweit. Ich sollte zum Symbol des Unkontrollierbaren gemacht werden. Zum Störfaktor.
Macht – und der richtige Umgang damit
Was sie nicht bedachten: Ich kannte das System. Ich hatte Kontakte, war vernetzt, wusste, wie man argumentierte – und mit wem. Ich war längst kein einfacher Student mehr. Ich hatte eine Stimme. Und ich wusste, wie man sie einsetzt.
Ich sprach mit den richtigen Leuten. Die Medien, politische Vertreter, kritische Professoren – sie hörten mir zu. Es dauerte nicht lange, bis die Stimmung kippte. Der Universitätspräsident musste sich bei mir entschuldigen – öffentlich. Die Exmatrikulation war vom Tisch. Die Reformen, für die wir gestritten hatten, wurden in Teilen umgesetzt.
Und das Wichtigste: Die Fast-Fertigen konnten ihr Studium abschließen. Wir hatten sie beschützt. Wir hatten unser Versprechen gehalten.
Zwischen Demonstrationen und Begegnungen
Aber nicht alles war nur Protest und Strategie.
Es war auch eine persönliche, oft absurde und manchmal wunderschöne Zeit.
Die Nächte waren lang – oft diskutierend im besetzten Uni-Gebäude, manchmal mit Gitarre, mit Tee, mit Polizei draußen vor der Tür. Wir bauten Barrikaden aus Tischen, improvisierten mit Flipcharts und Plakaten, lebten von mitgebrachten Broten und einem Gefühl von Aufbruch.
Und inmitten dieser Unruhe – lernte ich sie kennen: eine Kommilitonin, Tochter eines Pastors, klug, neugierig, wortgewandt und wunderschön. Sie trug ihre Überzeugungen mit Haltung, aber nie mit Hass. Zwischen Diskussionen und Büchern, zwischen Flugblättern und Tee wurde aus einem Gespräch mehr.
Wir waren ein Paar. Für eine Weile waren wir ein wirklich gutes Paar. Sie brachte Leichtigkeit in diese ernste Zeit. Ihre Augen blitzten, wenn sie über Philosophie sprach. Sie wusste, wann man kämpfen musste – und wann man einfach tanzen sollte. Sie war eine kleine Rebellion gegen den Ernst, der mich manchmal zu erdrücken drohte.
Ich denke oft an diese Tage zurück – nicht nur an die politischen, auch an die persönlichen. An das Lachen im Chaos, an ihre Hand in meiner, als draußen wieder Blaulicht aufflackerte. Wir waren mittendrin in der Geschichte – und haben für einen Moment einfach gelebt.
Die letzte Etappe – und ein stilles Lob
Zum Ende meines Studiums war ich oft nicht da – zu viel in Paris, zu sehr im Übergang zum nächsten Lebenskapitel. Aber in unserem Fachbereich kannte man meine Rolle. Ich hatte als Tutor viele jüngere Studierende begleitet, beraten, ermutigt. Und viele erinnerten sich daran.
Zur feierlichen Abschlussveranstaltung der Fakultät wollte man mich nicht erwähnen. Der Dekan – vielleicht überfordert mit meinem „Dazwischensein“ – schwieg.
Doch dann sprachen sich andere für mich aus: Professoren, wissenschaftliche Mitarbeiterinnen, Verwaltungsmitarbeiter. Der Druck wurde spürbar.
Und dann kam mein Name. Ein kurzer Satz. Ein stilles Lob. Doch für mich war es ein Moment voller Bedeutung.
Rückblick
Ich war nicht der lauteste. Nicht der radikalste. Aber ich war da. Ich habe vermittelt, zugehört, verteidigt, ermöglicht.
Für Gerechtigkeit. Für Bildung. Für die, die keine Zeit für Proteste hatten, weil sie ihr Studium abschließen mussten.
Und ich habe gelernt: Es braucht nicht nur laute Parolen. Manchmal braucht es einen klaren Blick – und den Mut, genau dort zu stehen, wo sonst niemand stehen will.
Ich ging mit einem Abschluss – und mit dem Gefühl: Ich hatte das Richtige getan.
Und das bleibt.